
Referent Stephan Grüger
Referat zur dezentralen Energiewende - Auftakt für neue SPD-Reihe mit Referent Stephan Grüger

Referat zur dezentralen Energiewende - Auftakt für neue SPD-Reihe mit Referent Stephan Grüger
„Jedes Jahr importieren wir für 200 Milliarden Euro Energie, die man durch eine dezentrale Energiewende einsparen könnte. Dadurch würden Arbeitsplätze in der Region geschaffen, die auch nicht ins Ausland verlagert werden könnten“, betonte Stephan Grüger aus Driedorf und bezeichnete diesen bevorstehenden Strukturwandel als eine „neue industrielle Revolution“.
Der Kreistagsabgeordnete der SPD im Lahn-Dill-Kreis referierte bei der Auftaktveranstaltung der neuen Reihe „Der politische Club Langgöns“ vom SPD-Ortsverein Langgöns über das Thema „Erneuerbare Energien im Lichte regionaler Wertschöpfung“. Kompetent, detailliert, mit deutlichen Worten, viel Temperament und Humor zog das Mitglied der Regionalversammlung Mittelhessen, Vorstandsmitglied von Eurosolar und enger Mitstreiter des 2010 verstorbenen Hermann Scheer die nur neun Besucher in seinen Bann und hielt einen flammenden Appell für eine dezentral organisierte Energiewende.
Gerald R. Dörr, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Langgöns, hatte zur Premiere der neuen Veranstaltungsreihe eingeladen und musste feststellen, „dass nicht so viele Besucher da sind, wie wir es uns gewünscht hätten.“ Das „zarte Pflänzchen muss noch wachsen“, sagte er bei seiner Begrüßung und erklärte die geringe Resonanz auch mit der zeitgleichen Exkursion Langgönser Kommunalpolitiker, die sich über das Thema LED-Straßenlaternen informierten.
Stephan Grüger arbeitete in erster Linie aus wirtschaftspolitischer Sichtweise heraus, dass erneuerbare Energien mehr sind als Ökologie: Eine dezentral organisierte Energiewende schaffe Arbeitsplätze vor Ort und nicht Konzerne, sondern Kommunen und Arbeitnehmer profitierten davon. „Unsere Region Mittelhessen ist voller Energie, das sollten wir nutzen, um diese Wertschöpfung in die Region zurückzuholen“, betonte der Sozialdemokrat. Als Beispiel führte er ein Unternehmen in seinem Heimatort an, das seinen Strom auch durch zwei in der Nähe errichtete, eigene Windräder bezieht. Dieser Strom sei durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz um 30 Prozent billiger als normaler Strom und insofern aus wirtschaftlicher Sicht sehr attraktiv. Bauern sollten sich zukünftig als Land- und Energiewirte verstehen, Bau- und Wartungsarbeiten von Windrädern schafften weitere Stellen. Jeder dieser Arbeitsplätze in der Region könne nicht ins Ausland verlagert werden. „Im Idealfall können wir die gesamten Energiekosten eines Tages selbst produzieren“, prognostizierte Grüger und verwies mehrfach auf die 2007 veröffentlichte Studie der SPD Hessen, die von Eurosolar beauftragt und herausgegeben wurde. Demnach könne der Stromverbrauch in Hessen bis 2025 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien geschöpft werden. Voraussetzung sei allerdings, dass die „Behinderung durch die Landesregierung aufhört“. Teure Investitionen wie neue Überlandleitungen, um Strom aus Offshore-Windkraft, norwegischer Wasserkraft oder aus Solarparks in Nordafrika zu transportieren, seien bei einer dezentralen Energiewende nicht erforderlich. Das Bundesland Sachsen-Anhalt habe bereits 60 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien im Netz. „Warum geht das nicht auch in anderen Bundesländern?“, fragte Stephan Grüger und präsentierte hierzu gleich Antworten: „In Hessen haben wir eine Hardcoreverhinderungsplanung gehabt und leider haben wir sie bis heute.“ Speziell in Mittelhessen gebe es eine Regionalplanung, „die fatalerweise eine Ausschlussplanung ist“, kritisierte der Referent, der selbst in unmittelbarer Nähe zweier großer Windkrafträder wohnt und damit „gut leben kann“. Man müsse eine „andere Form von Regionalplanung machen, wenn’s vorangehen soll“, auch der Denkmalschutz sei bei Windkraft- und Fotovoltaikanlagen oft hinderlich. Insgesamt gebe es eine „sehr starke Verhinderungsplanung schon bei der Bundesgesetzplanung.“
Vertreter der alten Energiewirtschaft arbeiteten hartnäckig gegen die Umstrukturierung zu erneuerbaren Energien und verzögerten diese konsequent. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Strom aus erneuerbaren Energien deutlich günstiger sei als herkömmlicher Strom und dadurch die Gewinnspanne der Unternehmen sinke. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) sei ein „Hampelmann der alten Energiewirtschaft“ und die „Abrissbirne der erneuerbaren Energien“, fand Stefan Grüger klare Worte. „Das Erneuerbare-Energien-Gesetz muss weiter entwickelt werden, die Politik muss zuverlässige und langfristige Rahmenbedingungen setzen, also genau das Gegenteil, was Rösler und Röttgen zurzeit machen“, resümierte Grüger. Gerald R. Dörr ergänzte die Ausführungen um einen demographischen Aspekt: Würden Arbeitsplätze vor Ort geschaffen, veröde der ländliche Raum nicht so schnell.
Die neue Reihe „Der politische Club Langgöns“ des SPD-Ortsvereins Langgöns soll in unregelmäßigen Abständen, aber mindestens zweimal im Jahr stattfinden.