Bürgermeister Horst RöhrigDie neue Seniorenwerkstatt in Lang-Göns, die Finanzlage der Gemeinde, der öffentliche Personennahverkehr und die Möglichkeiten im Bereich „Erneuerbare Energien“ waren Themen im Sommergespräch mit dem Langgönser Bürgermeister Horst Röhrig (SPD). Röhrig hatte sich dazu mit Redakteur Jürgen Vetter (Wetzlarer Neue Zeitung) auf dem Hof der Seniorenwerkstatt getroffen.
Wir sitzen hier vor der neuen Seniorenwerkstatt. Warum haben Sie diesen Ort für unser Sommergespräch gewählt?
Horst Röhrig: Das ist ganz einfach: Die Seniorenwerkstatt ist der neueste Baustein in der sozialen Infrastruktur von Langgöns. Ihre Einrichtung ist eine Maßnahme, die mit Landesmitteln aus der Konjunkturförderung mitfinanziert wird.
Wie viel Geld kostet das Projekt denn?
Röhrig: Insgesamt werden hier 207 000 Euro investiert, 202 000 davon kommen aus dem hessischen Sonderkonjunkturprogramm. Dabei wird die Summe vom Land zinsgünstig auf 30 Jahre geliehen.
Sie müssen den Betrag also plus Zinsen wieder zurückzahlen?
Röhrig: Ja, über einen Zeitraum von 30 Jahren und bei einem sehr niedrigen Zinssatz.
Warum entsteht die Seniorenwerkstatt hier?
Röhrig: Wir haben uns für die Seniorenwerkstatt dieses gemeindeeigene Anwesen in Lang-Göns ausgesucht. Es war der frühere Faselstall. Hier standen die Bullen und Eber. Im Gehöft gibt es auch eine vermietete Wohnung, aber der größte Teil hier war ungenutzt. Es ist ein guter Standort und wir erwecken das Gebäude auch wieder zu neuem Leben.
Was musste baulich gemacht werden?
Röhrig: Wir haben die ehemaligen Stallungen und Nebengebäude mit neuen Böden und teilweise auch mit neuen Decken ausgestattet. Türen und Fenster sind neu. Es ist eine Gastherme reingekommen
und die Installationen sind neu. Außerdem ist der Hof gepflastert worden und kann nun gut für Veranstaltungen mit genutzt werden. Herzstück ist die Werkstatt mit den Schwerpunkt „Holz“ und „Metall“.
Wo kamen die Ideen dazu denn her?
Röhrig: Es gab schon länger Überlegungen, wie man aktiven Senioren ein Betätigungsfeld bieten kann, das auch dem Allgemeinwohl dienen kann. Orientiert haben wir uns da auch an der Hüttenberger Seniorenwerkstatt. Wichtig für mich ist außerdem, dass wir mit unserer Seniorenwerkstatt auch eine Verzahnung von Alt und Jung hinbekommen. Bei den Ferienspielen 2010 und 2011 sind dazu bereits erste Angebote gelaufen.
Haben die Senioren ihre Ideen eingebracht?
Röhrig: Ja natürlich. Die Senioren konnten früh schon sagen, was sie hier machen wollen und was sie dafür brauchen. Ein Architekt hat für das Ganze ein Raumkonzept erstellt. Schön ist, dass es für die Ausstattung der Seniorenwerkstatt viele Sachspenden gab und die Akteure schon seit Wochen und Monaten mit großem Eifer dabei sind.
Kann sich die Gemeinde eine solche Investition eigentlich leisten?
Röhrig: Wenn das Konjunkturprogramm diese Möglichkeit nicht geboten hätte, wäre das sicher nicht so schnell gegangen. Es handelt sich ja um ein Projekt aus dem Bereich desWünschenswerten.
Sie haben in finanziellem Zusammenhang vor kurzem Langgöns und Griechenland verglichen.
Wie ernst ist die Lage für die Gemeinde wirklich?
Röhrig: Ganz so ernst ist es noch nicht, aber wenn man über viele Jahre hinweg einen schleichenden defizitären Prozess laufen lässt, dann landet man letztlich da, wo Griechenland heute ist. Man darf es nicht so weit kommen lassen, dass man von der Hand in den Mund leben muss.
Was bedeutet das für Langgöns?
Röhrig: Es ist leider so, dass wir hier nur einen kleinen Teil der Faktoren direkt beeinflussen können, die im Finanzbereich auf uns einwirken. Aber es gibt Möglichkeiten. Man kann beispielsweise im Gebührenbereich agieren.
Wo zum Beispiel?
Röhrig: Im Friedhofsbereich haben wir einige Jahre schon bei den Gebühren nichts verändert, obwohl die Kosten in dieser Zeit ständig gestiegen sind. Das wird verschärft, weil der Trend vom Reihengrab zum günstigeren Urnengrab geht. Da sehe ich Spielräume, um die Einnahmesituation zu verbessern. Aber mit so etwas kann man natürlich nicht den Haushalt retten.
Und wo beispielsweise ginge das besser?
Röhrig: Der Landesrechnungshof hat uns darauf hingewiesen, dass die Gemeindewerke keine Verzinsung ihres Eigenkapitals in die Gebührenrechnung einbeziehen.
Soll da Gewinn gemacht werden?
Röhrig: Nein, nur die Verzinsung des Kapitals sollte eingerechnet werden.
Das bedeutet eine Erhöhung der Gebühren?
Röhrig: Ja. Wenn die Gemeindewerke diese Erträge realisieren und als Gewinn ausweisen könnten, dann können sie diesen Überschuss an die Gemeinde ausschütten. Beispielsweise bei einer Erhöhung bei Wasser und Abwasser von insgesamt 50 Cent pro Kubikmeter kämen so jährlich zusätzlich 200 000 bis 250 000 Euro zusammen. Aber selbst das würde nicht reichen. Wir haben jetzt im Nachtragshaushalt das Defizit auf mehr als 1,2 Millionen Euro kalkuliert. Und bestimmt wird diese Zahl größtenteils von außen. So haben die Einkommensteueranteile noch nicht die Höhe wie vor der Krise erreicht, und vom viel beschworenen Steuersegen ist in Langgöns bisher auch nichts zu spüren gewesen.
Was heißt das?
Röhrig: Das heißt, dass wir im ersten Halbjahr 2011 etwa 38 000 Euro weniger an Lohn- und Einkommensteueranteil erhalten haben als im Vorjahreszeitraum. Bei der Einkommenssteuer hatten wir mal über fünf Millionen und liegen jetzt bei zirka viereinhalb.
Woran liegt‘s?
Röhrig: Es fehlt einfach Geld aus den großen Steuertöpfen. Ich mutmaße etwa, dass viele der neu geschaffenen Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich entstanden sind, wo keine Steuern fällig werden oder der Staat sogar noch beispringen muss. Zu viele Leute verdienen mittlerweile zu wenig. Es müssten Mindestlöhne für alle Bereiche eingeführt werden. Zusätzlich werden noch Aufgaben nach unten auf die Kommunen umgeschichtet. Das Verteilungssystem in der Republik ist grundsätzlich nicht mehr in Ordnung.
Das mag sein, aber was kann man vor Ort tun?
Röhrig: Die Gemeinde Langgöns leistet sich nichts Unnötiges. Vielleicht können wir mit großen Schmerzen noch 500 000 bis 600 000 Euro durch eigene Anstrengungen einsparen. Aber die andere Hälfte des aktuellen Defizits bleibt auch dann noch übrig.
Wo wollen Sie nicht sparen?
Röhrig: Der größte Posten ist bei uns der Bereich „Kinder und Jugend“. Aber dort gibt es einerseits feste Vorgaben, andererseits darf eine Gemeinde gerade dort nicht sparen, wenn sie ihre Zukunft nicht gefährden will.
Was fällt in diesem Bereich jährlich an Miesen an?
Röhrig: Wir fördern alleine den Bereich Betreuung von Kindern mit zirka 1,6Millionen Euro pro Jahr für die sieben Kindertagesstätten in der Gemeinde. Aber es ist sehr wichtig, dass wir den Kindern und
ihren Eltern ein gutes Angebot machen – auch weil das ein wichtiger Standortfaktor ist.
Ein wichtiger Standortfaktor ist auch der öffentliche Personennahverkehr. Beispielsweise in Dornholzhausen hört man darüber immer wieder Klagen. Hat sich dort etwas getan?
Röhrig: Das stimmt. Es ist uns bekannt, dass dieses Angebot nicht ausreichend ist. Wir hatten dazu in 2010 gemeinsam mit der Verkehrsgesellschaft Oberhessen eine Bürgerbefragung vorgenommen. Daraus folgte auch die Erkenntnis, dass das bestehende Angebot des Anruf-Sammel-Taxis so gut wie unbekannt war. Dieses Angebot soll ab dem11. Dezember durch ein Anruf-Linien-Taxi ersetzt werden, das nun auch besser beworben werden soll.
Was ist der Unterschied zwischen den beiden Zusatzangeboten?
Röhrig: Früher betraf das nur das Wochenende, jetzt wird das Angebot auf alle sieben Tage der Woche ausgeweitet, und es können mit den Kleinbussen bis zu zehn Linienpaare pro Tag zusätzlich gefahren werden. Dazu muss bis eine Stunde vor Abfahrt angerufen werden. Ich hoffe, dass diese Verbesserung von den Bürgern auch angenommen wird.
Was ist aus Ihrer Sicht in den kommenden zwölf Monaten das wichtigste Projekt für die Gemeinde Langgöns?
Röhrig: Na ja, die Finanzen sind natürlich besonders wichtig. Aber wichtig ist sicher auch das Thema „Energie“, also einerseits die anstehende Verlängerung der Konzessionsverträge und andererseits die Nutzung regenerativer Energien. In dieser Frage hatte ich bereits Kontakt mit der Bioenergie-Region Mittelhessen aufgenommen. Dort wird gerade ein Musterprofil zur Potenzialbewertung am Beispiel der Gemeinde Langgöns erstellt.
Glauben Sie nach den heftigen Konflikten noch daran, dass das Thema „Windenergie“ in Langgöns noch eine Chance hat?
Röhrig: Das ist momentan sehr schwer einzuschätzen, weil diese emotionsgeladenen Diskussionen noch nicht lange her sind. Ich hoffe aber, dass dieses Thema irgendwann hier nochmals sachorientiert diskutiert werden kann. Ohne Windenergie werden jedenfalls die gesetzten Ziele von Bund und Land nicht erreichbar sein. Und ich glaube, dass dabei auch die regionalen Möglichkeiten genutzt werden müssen.
Bericht mit freundlicher Unterstützung aus Wetzlarer Neue Zeitung vom 02.09.2011.